Jugend

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Die echten Probleme gingen im Grunde erst los, als ich durch einen Umzug nach Schleswig-Holstein die Schule wechselte und mein winziger Freundeskreis plötzlich unerreichbar wurde. Ich war zwischenzeitlich auf die Realschule gewechselt, da das nächstgelegene Gymnasium, auf das ich gemessen an den Schulischen Leistungen hätte wechseln sollen, einfach zu weit weg war. Auch in der Realschule waren meine Leistungen gut, daher erschien es sinnvoll, mit dem Umzug den Wechsel ans Gymnasium zu wagen. Das muss ca. in der 6. Klasse gewesen sein.

Wir sind im Übrigen im Laufe meiner Jugend noch einige male umgezogen, vielleicht habe ich daher das “Wandergen” in mir. Lange hielt es mich bisher selten an einem Ort, ohne dass ich das Gefühl hatte, weiterziehen zu müssen. Aber das vorerst nur am Rande.

Cut zum Gymnasium. Meine ersten Tage dort waren schwierig, ich würde sogar sagen: Traumatisch. Ich kannte niemanden. Der Unterrichtsstoff der Gymnasialschüler war ein anderer als der, den ich aus der Realschule kannte, bzw. waren sie uns in einigen Bereichen einfach voraus. Ich hatte also das erste Mal im Leben einen Rückstand aufzuholen, für den ich weder verantwortlich war, noch die notwendigen Hilfsstellungen bekommen habe, um dies zu schaffen. Ich erinnere mich genau an eine Situation mit einer meiner Lehrerinnen zu dieser Zeit. Sie unterrichtete Englisch, was ich in Grundzügen zwar durch meine Programmiertätigkeiten lesen konnte, aber noch nie gesprochen oder bewusst gehört hatte. Heutzutage beginnt der Englischunterricht teils schon in der dritten Klasse, in den 80ern war das noch undenkbar. Ich, der Neue in der Klasse, hatte sowieso einen harten Stand. Die Klassenkamerad*innen fühlten mir auf den Zahn und loteten aus, wie viel ich mir gefallen lasse, während die Lehrer*innen mich teilweise am liebsten wieder auf die Realschule geschickt hätten. Weniger Arbeit, weniger Stress mit dem Nachzügler. Aber zurück zu der Lehrerin. Ich klebte förmlich an ihren Lippen, um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen. Unbewusst muss ich stumm die Wörter nach- und mitgesprochen haben, denn an einem der ersten Tage des Unterrichts fuhr sie mich an, ich solle mich unterstehen, sie nachzuäffen. Was ich dummer Realschüler eigentlich am Gymnasium wolle, ich solle zu meinesgleichen gehen, da wäre ich besser aufgehoben. Der Wortlaut kann ich nicht zu 100% wörtlich wiedergeben, aber er war sehr nah an dem, was ich hier schreibe. Später hatte ich bei ihr noch Französisch, denk Dir den Rest…

Manche Lehrer*innen machten mir das Leben schwerer, manche unterstützten mich nach Kräften. Generell erinnere ich mich jedoch im Nachgang an keinen Tag, an dem ich gerne zur Schule gegangen wäre, seit ich auf das Gymnasium gewechselt war. Meine Mitschüler*innen trugen ihren Teil dazu bei, indem sie dem Begriff “Mobbing” eine neue Dimension gaben, die ich nicht kannte und mit der ich nicht umgehen konnte. Ich zog mich zurück, hatte als Klassenaußenseiter mit zwei weiteren Außenseitern (ebenso technikbegeisterte Nerds wie ich) Freundschaft geschlossen, aber die stetigen seelischen und körperlichen Angriffe forderten ihren Tribut. Zweimal Sitzenbleiben, Mitte der 11. Klasse lange Krankheit und danach freiwilliges Ausscheiden aus der Schule.

Was hat das Ganze nun mit ADHS zu tun?

Viele meiner Verhaltensweisen, die ich als Kind und bis zur Realschule noch ganz normal ausgelebt habe (Erinnerung: Für mich war das alles normal und ich wurde akzeptiert wie ich war), führten am Gymnasium zu Problemen. Fehlende Konzentrationsfähigkeit, Störung des Unterrichts durch ständiges Tuscheln (meine Klassenkamerad*innen hatten sehr schnell begriffen, wie schnell ich abzulenken und damit auch zu manipulieren war) und Hibbeln auf dem Stuhl und die bereits bekannten Probleme, die Hausaufgaben abzuliefern. All das wurde auf einmal nicht mehr akzeptiert oder mit guten Absichten getadelt, jedoch nicht nachverfolgt. Plötzlich wurde nahezu alles, was mich ausmachte, kritisiert und gegen mich verwendet. Ich unterstelle den Lehrern dabei nicht einmal böse Absichten; sie konnten mit einem ADHS-Kind einfach nichts anfangen, zudem sie von der Krankheit genausowenig etwas wissen konnten wie ich damals selbst. Das Ganze führte dazu, dass ich mich mehr und mehr zurückzog.

Irgendwann kam das Internet in Mode und wurde auch für Privatpersonen bezahlbar. Einen Optokoppler habe ich live nie gesehen, aber ein analoges Modem blockierte eines Tages die Telefonleitung meiner Familie. Ich frickelte mich durch das entstehende Internet, lernte, probierte aus. Stundenlang. Ich erinnere mich, wie ich mit roten Ohren meinen ersten E-Mail Account erstellte, immer in der Erwartung, dass jetzt irgend etwas schlimmes passieren kann, eine hohe Rechnung oder andere Dinge. Meine erste Homepage. Und dann: Chaträume! EIner der damals größten Anbieter hatte es mir angetan, denn es gab einen Chatraum für Rollenspiele. Ich hatte zwischenzeitlich mit meinen Nerd-Kumpels eine DSA-Runde gestartet und Gefallen an den dynamischen Kopfwelten und dem Würfelglück gefunden, und so fiel es mir nicht schwer, mich in das Chat-Rollenspiel in all seinen Facetten zu verlieren. Und plötzlich war ich Teil einer Community. Leute, mit denen ich frei reden konnte. Leute, die zwar auch manchmal etwas komisch waren, aber mich akzeptierten. Leute, die komische Klamotten trugen und noch komischere Musik hörten. Mein Einstieg in die Gothic-Szene, die mich viele Jahre begleiten sollte und bis heute einen Platz in meinem Herzen hat.

Wir klatschten, tratschten, telefonierten und trafen uns alle paar Monate irgendwo in Deutschland. Die anderen waren genauso seltsam, schräg und spannend wie ich sie mir im Chat vorgestellt hatte. Eine wilde Mischung aus großartigen Menschen und zerbrochenen Existenzen. Und ich mittendrin, auf allen Ebenen. Und rückblickend mit Sicherheit die eine oder andere Leidensgenossen mit undiagnostiziertem ADHS. Das fiel aber bei den ganzen seelischen Schieflagen, die sich in dieser Community offenbarten, auch nicht weiter auf. Ich integrierte mich, stellte für meine Mitstreiter Online-Services bereit (es war die Zeit der Foren, an Facebook, Google & Co. war noch nicht zu denken) und tat alles, um die Gunst der Stunde nicht zu verlieren. An anderer Stelle hatte ich genug zu kämpfen und kompensierte das auf diesem Weg.

Als das Schulleben Anfang 20 (remember: Zweimal sitzen geblieben und tatsächlich schon im Kindergarten ein Extrajahr angehängt wegen “sozialen Anpassungsschwierigkeiten”) für mich zu Ende war, suchte ich mir einen Job, fing eine Ausbildung an, lachte mir meine erste Freundin an, beendete die Ausbildung nach wenigen Monaten, wurde im Ausbildungsbetrieb als unausgebildeter Hauptadministrator fest angestellt und hielt mich irgendwie über Wasser. Emotional ging es jedoch bergab, meine Beziehung zu meinem Vater wurde immer schlechter und ich packte schließlich meine Siebensachen und zog weit, weit weg nach Essen.